Im Rahmen des Kolloquiums Media Studies and AI Literacies präsentiert Florian Sprenger einen Vortrag über das Ich-Sagen, der sich aus der Arbeit an seiner neuesten Publikation Ich-Sagen. Eine Genealogie der Situiertheit ergibt. Im eikones Forum situiert sich der Vortragende vor seinem Publikum und hinterfragt im Sprechen fortlaufend seine eigene Position.
Anders als in einem herkömmlichen akademischen Vortrag nimmt Sprenger nicht einfach seine Rolle als eingeladener Sprecher ein, sondern macht immer wieder auf die Bedingungen seines Sprechens aufmerksam. Der Vortrag soll einem Experiment für Vortragenden und Publikum gleichkommen, in dem die bestehende Anordnung der Vortragssituation zwar nicht grundsätzlich verändert wird, bei dem aber durch die Überschreitungen der konventionellen Grenzen eines Vortrags zur Reflexion eingeladen werden soll. Die Grenzziehung, die Sprenger im Vortrag überschreitet, ist die der gewohnten akademischen Distanz zwischen den Referierenden und dem Referierten. Während dies für andere Forschungsfragen bedeuten würde, dass sich das Publikum ins Labor oder ins Feld begeben müsste oder Forschungsobjekte in den Vortragssaal transportiert werden müssten, lässt es sich für den Referenten Sprenger in diesem Falle einfach lösen, denn er selbst ist das Referierte.
Der Vortragende, der sich mit dem vortragenden Ich beschäftigt, verkörpert sowohl den Referenten als auch das Referierte und kann diesen Umstand im Zuge seines Vortrags produktiv machen. Anstatt also eine räumliche Verschiebung vorzunehmen, um die Distanz zu überwinden, tritt Sprenger gleichermassen als Referent und als Referiertes auf. Zudem macht er damit sowohl das Publikum, die Zuhörer*innen, zu Teilnehmenden als auch den Vortragssaal zum Labor seines Experiments.
«Hierarchie ist gar nicht so schlecht, wenn man vorne steht.» Mit dieser gewollt provokanten Aussage macht Sprenger auf die Bedingungen der akademischen Vortragssituation aufmerksam. Mit einem Bezug auf das, was der amerikanische Soziologe Erving Goffman als «sozialen Vertrag» beschreibt, verweist er auf die Ordnungen, Rituale und Konventionen, die in der akademischen Welt vorherrschen und das Vortragen bedingen und ermöglichen.
An einem späteren Punkt macht Sprenger auch auf die disziplinarischen Wirkungen räumlicher Anordnungen aufmerksam und bezieht sich dabei auf das Buch Überwachen und Strafen von Michel Foucault sowie auf das darin enthaltene Bildmaterial. Die auf den Vortrag folgende Diskussion konzentriert sich insbesondere auf die Architektur von Schulzimmern und die Unterrichtsräume der Universität, doch im Hinblick auf das Thema des Vortrags erscheint auch die Illustration eines Gefängnis-Hörsaals aus Foucaults Werk als passend.