Vortrag "Vortrag vortragen" von Florian Sprenger

Ellen Magdaléna Luginbühl, March 2026, 5 min. reading time

Im Rahmen des Kolloquiums Media Studies and AI Literacies präsentiert Florian Sprenger einen Vortrag über das Ich-Sagen, der sich aus der Arbeit an seiner neuesten Publikation Ich-Sagen. Eine Genealogie der Situiertheit ergibt. Im eikones Forum situiert sich der Vortragende vor seinem Publikum und hinterfragt im Sprechen fortlaufend seine eigene Position.

Anders als in einem herkömmlichen akademischen Vortrag nimmt Sprenger nicht einfach seine Rolle als eingeladener Sprecher ein, sondern macht immer wieder auf die Bedingungen seines Sprechens aufmerksam. Der Vortrag soll einem Experiment für Vortragenden und Publikum gleichkommen, in dem die bestehende Anordnung der Vortragssituation zwar nicht grundsätzlich verändert wird, bei dem aber durch die Überschreitungen der konventionellen Grenzen eines Vortrags zur Reflexion eingeladen werden soll. Die Grenzziehung, die Sprenger im Vortrag überschreitet, ist die der gewohnten akademischen Distanz zwischen den Referierenden und dem Referierten. Während dies für andere Forschungsfragen bedeuten würde, dass sich das Publikum ins Labor oder ins Feld begeben müsste oder Forschungsobjekte in den Vortragssaal transportiert werden müssten, lässt es sich für den Referenten Sprenger in diesem Falle einfach lösen, denn er selbst ist das Referierte.

Der Vortragende, der sich mit dem vortragenden Ich beschäftigt, verkörpert sowohl den Referenten als auch das Referierte und kann diesen Umstand im Zuge seines Vortrags produktiv machen. Anstatt also eine räumliche Verschiebung vorzunehmen, um die Distanz zu überwinden, tritt Sprenger gleichermassen als Referent und als Referiertes auf. Zudem macht er damit sowohl das Publikum, die Zuhörer*innen, zu Teilnehmenden als auch den Vortragssaal zum Labor seines Experiments.

«Hierarchie ist gar nicht so schlecht, wenn man vorne steht.» Mit dieser gewollt provokanten Aussage macht Sprenger auf die Bedingungen der akademischen Vortragssituation aufmerksam. Mit einem Bezug auf das, was der amerikanische Soziologe Erving Goffman als «sozialen Vertrag» beschreibt, verweist er auf die Ordnungen, Rituale und Konventionen, die in der akademischen Welt vorherrschen und das Vortragen bedingen und ermöglichen.

An einem späteren Punkt macht Sprenger auch auf die disziplinarischen Wirkungen räumlicher Anordnungen aufmerksam und bezieht sich dabei auf das Buch Überwachen und Strafen von Michel Foucault sowie auf das darin enthaltene Bildmaterial. Die auf den Vortrag folgende Diskussion konzentriert sich insbesondere auf die Architektur von Schulzimmern und die Unterrichtsräume der Universität, doch im Hinblick auf das Thema des Vortrags erscheint auch die Illustration eines Gefängnis-Hörsaals aus Foucaults Werk als passend.

Vortrag über die schlimmen Folgen des Alkoholismus im Hörsaal des Gefängnisses von Fresnes. In: Foucault, Michel: Überwachen und Strafen, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2022 [1975], Abb. 28.

Ohne die Vortragssituation im eikones Forum direkt mit der im Hörsaal des Gefängnisses von Fresnes vergleichen zu wollen, kann über beide Vortragssituationen gesagt werden, dass Vortragende wie Zuhörende klare Rollen einzunehmen haben. Teil dieser Rollenverteilung ist die Arbeitsteilung zwischen Referierenden und Zuhörenden, aber auch die architektonische und mediale Anordnung, die diese Rollen- und Machtverteilung konstituiert und verstärkt. Es kann nur spekuliert werden, mit welchen Bestrafungen die Gefangenen von Fresnes rechnen mussten, wenn sie sich trotz oder vielleicht auch wegen der architektonischen Restriktionen für die Störung eines Vortrags entschieden hätten und sich vielleicht aus Angst vor möglichen Konsequenzen für stilles Zuhören entschieden. Sprenger macht deutlich, dass es auch im akademischen Kontext unüblich ist, einen Vortrag auf irgendeine Weise zu unterbrechen, nicht wie in Fresnes aus Angst vor Züchtigung, sondern aufgrund eben dieses sozialen Vertrags, dessen Rollenverteilungen und Hierarchien für den Erhalt der akademischen Ordnung nicht gebrochen werden sollen.

Dadurch, dass Sprenger während des Vortrags immer wieder seine eigenen Unsicherheiten und auch den Entstehungsprozess des Vortragstextes offenlegt, verweist er auf eine weitere Dimension der Vortragssituation. Durch ihre soziale und räumliche Position sind Vortragende zwar in einer Machtposition, ihnen wird Aufmerksamkeit und Gehör geschenkt, gleichzeitig befinden sie sich durch ihren Standpunkt aber immer auch auf einer Art Prüfstand. Im unmittelbaren Sprechen des Vortrags wird das gesagte Wort nicht nur vom Sprechenden gesprochen, sondern auch verkörpert. Anders als beim Schreiben, bei dem das Ich-Sagen ambivalent sein kann, sagt Sprenger, dass das Ich-Sagen beim Vortragen zumindest in der körperlichen Anwesenheit eindeutig ist. Mit dem Stilmittel einer längeren Kunstpause vor weisser Präsentationsfolie zeigt Sprenger, dass Körper nicht nur beim Sprechen, sondern insbesondere in der Stille hervortreten und sichtbar werden, wenn keine gesprochene oder geschriebene Sprache sie versteckt. Wie die Rollenverteilung ist auch die Sichtbarkeit durch Medien und Architektur gewährleistet und zeigt sich in ähnlicher Weise in Hörsälen, Gefängnissen und Universitäten.

Mit Verweis auf Roland Barthes zeigt Sprenger auf, dass genau dieser Umstand der Sichtbarkeit der Sprechenden nicht nur den Blick, sondern auch das Machtgefälle im Vortragssaal umdrehen kann. Das Publikum prüft die Vortragenden in der Inszenierung ihrer Rolle, die Vortragssituation macht sie beobachtbar. Die Beobachtbarkeit durch das Publikum wird bei Sprenger zur Selbstbeobachtung, wenn er sich als vortragendes Ich in seiner Situierung reflektiert und gleichzeitig ausstellt. Durch diese Offenlegung der Anordnungen macht Sprenger die Strukturen augenscheinlich und eröffnet so die Möglichkeit, nicht nur den ich-sagenden Vortragenden, sondern auch den akademischen Vortrag mit seinen Anordnungen und Rollenverteilungen sowie die Position der Zuhörer*innen der (Selbst-)Kritik zu unterziehen.

Ich-Sagen bedeutet also immer auch, Kritik zuzulassen und sich beobachtbar zu machen. Dahinter vermute ich, die Autorin, den Grund dafür, dass es, anders als es Sprenger ansatzweise vornimmt, in akademischer Tradition selten ist, «Ich» zu sagen. Ich-Sagen könnte bedeuten, sich selbst und das eigene Sprechen räumlich, historisch, wissenschaftlich oder politisch zu situieren, was nicht nur die eigene soziale Rolle aufzeigen würde, sondern auch, unter welchen Umständen, über welche Netzwerke und dank welcher Voraussetzungen diese Position erlangt wurde. Eine solche radikale Situierung scheint bisher unvorstellbar, da nicht nur für die Zuhörenden, sondern auch für die Vortragenden soziale und institutionelle Regeln und Konventionen vorherrschen, deren Missachtung oder Überschreitung reale Konsequenzen nach sich ziehen könnte, die über analytische Kritik hinausgehen.

Trotzdem könnten zum Situieren und Vortragen gerade im universitären Hörsaal, den Florian Sprenger durch seinen Vortrag in ein Labor verwandelt, weiter experimentiert und geforscht werden. Dadurch, dass Sprenger seine Situiertheit und die Bedingungen des akademischen Vortrags ausstellt, indem er «Ich» sagt, ermöglicht er Kritik und regt zudem zur Spekulation darüber an, was passieren könnte, wenn die vorherrschende akademische Ordnung gestört würde, und mit welchen experimentellen, medialen, architektonischen oder performativen Mitteln dies zu erreichen wäre.

"Vortrag vortragen - Über die Unmöglichkeit, nicht von sich zu sprechen" von Florian Sprenger (Institut für Medienwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum), Media Studies and AI Literacies: Colloquium #3, 11. März 2026, Forum eikones.